Leseprobe: Ich war Günther Jauchs Punching-Ball! Ein Quizshow-Tourist packt aus.

WER WIRD MILLIONÄR?
Köln-Hürth, 12. Mai 2009


„Bitte jetzt mal eine Dame! Tun Sie’s für mich? Nur für mich?“
    Günther Jauch will eine Frau.
    „Bitte!!“ Er klingt fast weinerlich, zieht ein Gesicht, als ob jemand seinen Dackel überfahren hätte, blickt in die Runde, die Stimme geht nach oben. 
    „Bittebittebitte!“
    Er sagt wirklich viermal bitte. Der Mann muss verzweifelt sein. Klar, er spielt das nur. Aber er meint es schon ernst, oder? Was mache ich jetzt? Ich schaue ganz kurz auf meine ausgestreckten Fingerspitzen, ziehe die Hände ein wenig vom Touchscreen zurück, strecke sie dann wieder aus. Was tun?
    Da sitze ich nun im Studio, zusammen mit 9 anderen Kandidaten aus der gesamten Republik. Günther Jauch liest jetzt schön der Reihe nach unsere Namen vor. In dieser Folge von WER WIRD MILLIONÄR? kommen wir aus Berlin, Ismaning, Hamburg, Stuttgart, Moers, Pinneberg, Leonberg, Göttingen, München und Emden. Sieh an, er liest auch die Männer vor. Gibt es noch Hoffnung?
    „Ein Königreich für eine Frau!“
    Er meint es wirklich ernst.
    Da sitze ich nun. Sehe die Sendung seit gut 9 Jahren, habe bestimmt 50, 60mal vergeblich bei der Kandidaten-Hotline angerufen, habe auch brav gesimst und gemailt. Bin aus der Küche ins Wohnzimmer geflitzt, wenn die Auswahlfrage kam, habe so schnell wie möglich die richtige Buchstabenkombination an den Bildschirm hingerufen.
    „B – A – C – D!“
    Die Lösung überprüft, meine geschätzte Zeit mit der des Besten abgeglichen, zufrieden
genickt, dann wieder zurück zur blubbernden Spaghettisauce. Habe mitgeraten, am TV-Gerät, auf DVD, im Internet. Ein Quizshow-Junkie? Könnte man so sagen. Ja, Euer Ehren, ich gestehe!
    Habe dann wirklich aus Köln den lang erwarteten Anruf bekommen, die erste Test-Hürde genommen, dann auch noch die zweite. Endlich, endlich, ENDLICH die Zusage: Grünes Licht, wir gratulieren, Sie fahren nach Köln, Herr Wiesmeier!
    Und jetzt bin ich keine Frau. Na super. (…)


EINER GEGEN 100 mit Linda de Mol

Aalsmeer, 13. Mai 2002

   
(...) Vom Parkplatz werden wir zügig in den Studio-Eingangsbereich gelotst, in dem schon jede Menge andere Teilnehmer warten. Hier ist alles in dezenten, warmen Eiskremfarben gehalten. An allen Wänden hängen große Hochglanzfotos von Endemol-Produktionen. Rateshows, Ratgebershows, Teleshopping, jede Menge bunte, heile Fernsehwelt. Und natürlich auch die holländische Version der “Traumhochzeit”, Lindas Dauerbrenner in Deutschland. Seit zwei Jahren ist nun schon Schluss mit den putzigen Paarungsritualen in Weiß, bei denen meine Ex in den Monaten vor unserer Hochzeit regelmäßig am Bildschirm klebte. Und ich gestehe, ich schaute ihr dabei meistens über die Schulter. „Die sieht ja aus wie ein Christbaum!!” war unser Standardspruch Anno ‘94, wenn wieder mal ein extrem aufgebrezeltes Fashion Victim mit Schleier und Schleppe die Treppe hinunterschritt.
    Jetzt will Linda mit einer Spielshow durchstarten. Und dazu wird einiger Aufwand betrieben.
    Wir werden ins Studio gelassen und können ihn auch gleich inspizieren. Der Aufbau muss mindestens einen Monat gedauert haben. Eine Art Tribüne im Halbrund hält Sitz für Sitz einen kleinen Monitor, Druckknopfleiste zum Einloggen und eine Leuchtfront bereit. Das Ganze nun mal Hundert, solide montiert und sicher doppelt TÜV-geprüft. Dazu sind mindestens Hundert Scheinwerfer ins Deckengestänge montiert, da kommen schon ein paar Kilometer Kabel zusammen. Sowas baut man nicht gleich nochmal in Köln oder Wien auf, also ist es wohl billiger, die Teilnehmer noch ein wenig weiter, ja sogar für die Österreich-Variante anreisen zu lassen. Dafür nimmt jeder Mitspieler natürlich nicht nur an einer, sondern mindestens an zwei Shows teil. Fällt ja bei der Zahl der Gesichter nicht auf.
    Die Regeln wurden uns bereits schriftlich übermittelt. Jetzt bekommen wir die Nummern für unsere Plätze, werden an die richtigen Aufgangsstufen dirigiert. Ich sitze irgendwo mittendrin. Und lerne gleich einen neuen Trendberuf kennen: Warm-upper. Das ist so etwa das Quizshow-Gegenstück zu einem Club-Animateur. Hundertundein Kandidat wollen ja ein bisschen in Stimmung gebracht werden. Dazu eine kurze Auffrischung der Regeln, ein paar „Dos” und „Don’ts” für die Aufzeichnung, ein paar kleine Jokes. Das macht der junge Mann recht flott. Ein Job, der schon für manche das Sprungbrett zu einer Karriere in Sachen Entertainment wurde. Sagt man.
    Sind die Regeln kompliziert? Nein. Sind sie gut? Kommt darauf an, was bei Endemol am Ende mal rauskommt. Das Prinzip ist simpel: Spieler wird ausgelost und setzt sich auf den heißen Stuhl. Linda nennt das nächste Ratethema. Spieler wählt „leichte Frage” oder „schwere Frage”. Die Hundert im Halbrund müssen innerhalb von sechs Sekunden aus drei Antwortmöglichkeiten wählen, Spieler darf in Ruhe nachdenken. Die „Angreifer” mit den falschen Antworten fallen raus. Spieler liegt richtig? Dann beginnt das Ganze von vorn.
    Auftritt Linda de Mol. Sonnig, blond, gute Figur, auf eine unaggressive Art schon irgendwie ein bisschen sexy. Das ist eine sympathische Quiz-Reiseleiterin, die uns jetzt an der Hand nimmt, hier gibt’s keinen Stress zu befürchten. Man kann zwar bei Jauch in die Grube fallen, doch noch nie wurde jemand von de Mol demoliert. (…)

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